

Raus aus der Komfortzone: Mit seinem selbstbetitelten Album aus dem Jahr 2024 schuf der Crooner aus Louisville ein genreübergreifendes Werk, auf dem er mit den Klangwelten von Dancehall, Drill und Pop experimentierte – neben seiner typischen Mischung aus Hip‑Hop und R&B. Bryson Tiller brachte sich selbst und seinen künstlerischen Anspruch so vollkommen ein, dass er sich nach der Veröffentlichung eine Auszeit von der Musik nahm, um seiner Leidenschaft für Videospieldesign nachzugehen. Doch jetzt ist er zurück: mit „Solace & The Vices“, einem Doppelalbum, das den Druck der Branche hinter sich lässt und ein neues Kapitel seines sich ständig weiterentwickelnden Sounds aufschlägt. In der ersten Hälfte von „Solace & The Vices“ blickt Tiller nach innen und zeigt sich nachdenklich und verletzlich, wenn er über seine Schwierigkeiten mit Liebe, Ruhm und vielem mehr reflektiert. Im Album-Opener „Strife“ singt er davon, dass er sich von seiner Geliebten eine zweite Chance wünscht, während er in „Workaholic“ seine eigenen Schwächen als Partner offenbart, weil er von seiner Karriere besessen war: „I was scared of going broke in 2018/That was after all the money and the fame/Going back to how it was, the shit’ll be a shame.“ („Ich hatte 2018 Angst, pleitezugehen / Das war nach all dem Geld und dem Ruhm / Wieder dahin zurückzukehren, woher ich kam, das wäre eine Schande.“) „Ich habe ‚Solace‘ wie eine Therapiesitzung betrachtet“, erzählt Tiller gegenüber Zane Lowe von Apple Music. „Ich möchte wirklich, dass die Leute es so hören – fast so, als würde ich auf einer Couch sitzen und du hörst einfach zu, was ich sage.“ Und genau das tut er: Er nimmt die Zuhörer:innen mit auf eine Reise durch seine Psyche, seziert sich selbst, um über die Höhen und Tiefen seiner Beziehungen nachzudenken. Sei es, dass er mit dem Verlust einer geliebten Person an jemand anderen ringt („Damn“), die schwere Entscheidung trifft, eine Beziehung zu beenden („Uncertainty“), oder eine neue Liebe findet („I Need Her“, „Star Signs“). Die zweite Hälfte von „Solace & The Vices“ zeigt eine andere künstlerische Facette Tillers. Wie auf den meisten seiner Alben bewegt sich der Singer-Songwriter auf dem schmalen Grat zwischen Gesang und Rap. Doch auf „The Vices“ entfernt er sich stärker von den melancholischen Trap-Soul-Tracks, die seine Karriere prägten und ihn zum Superstar machten. Stattdessen dominiert seine rap-lastige Seite: Er liefert scharfe Flows und düstere, energiegeladene Bars über dynamischen Produktionen von Charlie Heat, Gravez, Teddy Walton und Hitmaka. Tiller steht kompromisslos zu seiner impulsiven Natur und wird poetisch, wenn er mit seinem Lebensstil prahlt („First Place“, „200 Bands“, „Make Life Easy“). Er durchlebt die Höhen und Tiefen seiner Situationships („No Sharing“, „More Than Money“, „Last Call“) und denkt sogar darüber nach, seine Playboy-Allüren hinter sich zu lassen („Burnout“). Allein ist er auf seinem Weg durch Partys und Affären nicht: Er bekommt Unterstützung von Bossman Dlow, Rick Ross, Plies, T‑Pain, BabyDrill, Luh Tyler und Bun B. Im Abschluss-Track „Finished“ richtet sich Tiller an all jene, die ihn kritisieren und an seiner Fähigkeit zweifeln, sein Debütalbum „T R A P S O U L“ (2015) zu übertreffen. Seine Widerstandskraft angesichts der Kritik wird deutlich, wenn er selbstbewusst rappt: „I’ll be done with this shit when I’m done/I ain’t lookin’ for the number one/Just money and the shit keep comin’/Kept goin’, can’t risk bein’ nothin’/Ain’t fallin’ off, bitch, you funny.” („Ich bin erst fertig mit dem Kram, wenn ich fertig bin / Ich such’ nicht nach der Nummer eins / Nur nach Geld, und das kommt weiter rein / Ich bleib dran, kann’s mir nicht leisten, nichts zu sein / Ich werde nicht fallen, also laber nicht.“)