Goat World

Goat World

„Mir war immer wichtig, dass die Musik mit mir wächst“, erzählt Nafe Smallz gegenüber Apple Music. „Ich hatte mit straightem Rap ohne Melodien begonnen. Doch als ich ein paar meiner Jungs wegen ziemlichem Mist auf der Straße verlor, setzte ich ihnen mit der Musik größtenteils ein Denkmal, wenn man es so formulieren möchte.“ Der Rapper aus Luton hat auf dem Weg zu seinem Debütalbum „Goat World“ eine turbulente Zeit hinter sich gebracht. Konfrontiert mit der rauen Realität der Gang-Kultur seiner Heimatstadt und der gleichzeitigen verführerischen Aussicht, zu Ruhm im UK-Rap zu kommen, musste Smallz einen musikalischen Stil entwickeln, der ihm angemessen wirkungsvoll erschien. „Angesichts der Beschäftigung mit den Todesfällen handelte die Musik hauptsächlich davon – welche Gefühle es in mir auslöste und von dem Shit, den ich durchmachen musste“, sagt er. „So erkannte ich dann, dass es am besten war, zu singen und all diese Melodien und alles andere hinzuzufügen, um dieser Situation Ausdruck zu verleihen und zu den Leuten durchzudringen.“ Der 2019 erschienene Neun-Track-Sampler „Good Love“ vermittelte einen Eindruck von vernebelten Soundscapes, die sein Abtauchen begleiteten. Doch nun sieht der MC seinen Plan vollends aufgehen: Smallz schöpft aus dem Input eines außergewöhnlichen Reigens an Kollegen („Sie alle sind auf ihre Art G.O.A.T.s – Greatest Of All Time – oder werden es einmal sein.“), während er selbst das Positive und Negative seiner schwierigen Umgebung betrachtet, um daraus ein lebendiges Porträt des UK Rap im Jahr 2020 zu erschaffen. Hier lässt er uns Track für Track an seiner kreativen Wiedergeburt teilhaben.

Part of the Plan (feat. M Huncho)
„Huncholini: Er ist einfach mein Bruder. Ich habe das Gefühl, dass wir uns soundtechnisch wirklich gut ergänzen. Wir sind im UK genauso miteinander verbunden wie im Studio in Spanien – sogar im Weltraum, würde ich sagen. Wir inspirieren uns gegenseitig, sind in unserer Zone und landen in einer anderen Welt. Wenn im Studio viele Leute anwesend sind, hat er seine Maske auf, weil er seine Privatsphäre schützen möchte. Glaubt mir, er geht nicht wirklich ohne Maske raus, aber das ist nicht so, wenn wir uns treffen. Dann ist es anders. Im Song heißt es: ‚All of my new shit I put the soul in it/ ’cause you never know where you gon’ go with it‘. Das beschreibt das Projekt sehr gut, denke ich. Ich bin nicht so der Social-Media-Typ, aber ich denke, dass ich nun anfangen werde, mehr von mir in der Musik preiszugeben. Der Track hat Power, und darum sollte es der erste auf dem Album sein.“

Fine China
„Dieser Song entstand in den The Plug Aufnahmestudios in Barcelona. Er ist ein Ausdruck dessen, wie ich mich fühle, wenn der Mist auf der Straße eine große Rolle im Alltag spielt. Auch wenn es immer ein Teil von mir sein wird, versuche ich nun, die Jugendlichen von jeglicher Art Street Shit wegzubringen. Man möchte einfach kein Teil davon sein. Es ist nichts, worauf man stolz sein sollte, denn egal, wie sehr man es auch versucht: Shit aus der Vergangenheit kann dich jederzeit einholen. Ich bin in Luton aufgewachsen, wo es für Jugendliche wild zugeht. Luton liegt außerhalb von London, aber die Jungs bekommen mit, was in der Stadt abgeht, und wollen es nachmachen. Doch die Leute rappen über Dinge, die nicht der Wahrheit entsprechen, und sie wollen wie in diesen Raps leben. Ich habe jüngere Cousins und andere, die ich als meine kleinen Brüder ansehe, die alle noch tief in diesem Scheiß stecken. Die Botschaft, die ich ihnen vermitteln möchte, ist: Entscheidet euch für etwas anderes! Als ich aufwuchs, gefielen mir Drama und Schauspielerei. Ich wurde von Will Smith beeinflusst, aber ich wollte auch auf der Straße respektiert werden. So bekommst du das Gefühl, dass du dich für einen bestimmten Weg entscheiden musst. Ich habe das Gefühl, als hätte dies mein Talent und Potenzial geschwächt. Daher rate ich denen, die jetzt aufwachsen: Versucht es einfach zu vermeiden, in diesen Kreislauf zu geraten. Es kann deinem Leben wirklich eine andere Richtung geben. Das versuche ich diesen Kids zu zeigen.“

Phones Off (feat. Nines)
„Nines ist auch ein Typ, mit dem ich mich im Ausland treffe. London ist ein verrückter Ort, also machen wir das, wo immer wir können. Wir kannten uns schon lange, schon vor der Musik. Unsere Familienmitglieder kannten einander, so dass uns vor allem die Straße zusammenbrachte. Ich habe den Eindruck, dass es schwieriger ist, Anerkennung zu bekommen, wenn man nicht aus London kommt. Als er für mich bürgte und ich bei seinem Projekt [‚One Foot In‘] mitmachen konnte, hat es meine Anhängerschaft extrem vergrößert. Ich glaube, wir trafen uns, als ich 17 oder 18 war und in der Church Road ein Video mit einigen meiner Leute drehte, die sich von jener Straße nach Luton bewegten. Nines hat mich inspiriert, er ist wirklich ein G.O.A.T. – ein echter Boss. Er traf mich und sagte: ‚Du bist tough, mach weiter dein Ding.‘ Das war eine große Bestätigung. Es bedeutete viel, zu wissen, wie er mit Musik umging.“

Ocean Deep (feat. Wretch 32)
„Wir sind uns immer wieder zufällig in Restaurants im West End über den Weg gelaufen. Einmal, dann ein weiteres Mal und ein drittes Mal. Ich sagte: ‚Wir sollten uns nicht mehr so begegnen, lass uns ins Studio gehen und etwas auf die Beine stellen!‘ Wretch ist auf jeden Fall ein G.O.A.T., der schon immer ein Typ in der ersten Reihe der UK-Szene war. Ihn hier dabei zu haben, ergab einfach Sinn. Er hat sich enorm weiterentwickelt. Sein neues Material ist stärker von Vibes als von Rap beeinflusst, so dass das hier der perfekte Song für uns war.“

J LO (feat. Deno & Chip)
„Als ich aufwuchs, hörte ich häufig Chip. Tatsächlich hörte ich Chip, bevor ich mich überhaupt ans Mic wagte. Er war beim Remix von [der 2016er-Single] ‚Smokin‘ dabei, was mir in meiner Situation wirklich half, weil die Leute anfingen, mir Beachtung zu schenken. Jetzt, da sein Sound über die Jahre melodischer geworden ist, ruft er mich an und sagt etwas wie: ‚Yo, Smallz, du solltest rüberkommen und mit mir aufnehmen, ich muss in meine Zone gelangen und zu den Melodien kommen.‘ Für welchen Weg er sich auch immer entscheidet, er lässt es krachen. Er ist definitiv ein G.O.A.T. für mich. Wir waren im selben Studio in Kings Cross wie Deno, der dann reinkam und sagte: ‚Yo, was geht.‘ In dem, was er macht, ist Deno einer der Härtesten im UK. Er ist noch sehr jung, daher glaube ich nicht, dass er versteht, wie verdammt gut er bereits ist.“

Freak (feat. Young Adz)
„Young Adz und ich sind seit ungefähr neun oder zehn Jahren hinsichtlich unserer Veröffentlichungen miteinander im Austausch. Ich poste seine Sachen, er postet meine. Erst in den letzten Jahren kamen wir zum Arbeiten zusammen, und nun haben sich D-Block Europe neu ausgerichtet. Es ist abgefahren, weil ich den Eindruck habe, dass sie dort kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir sind für den Song auch nach Spanien geflogen – wo ich mich momentan hauptsächlich aufhalte, um ehrlich zu sein. Als Adz straight rappte, war er grandios, und auch als sich der Vibe veränderte, war er in der Lage, diese Richtung einzuschlagen – auch darin war er großartig. Das sind die Leute, die sich halten werden. Wer vielseitig ist, wird immer weiter kommen.“

Big Racks
„Diesen Song aufzunehmen, hat wahrscheinlich am meisten Spaß gemacht. Ich war überall auf Tour mit höllisch vielen Shows und ich war voll in meinem Element. Ich spreche darüber und erkläre, dass ich einen langen Weg hinter mir habe. Geld steht jetzt für mich über allem, weißt du – ich versuche wirklich, finanziell unabhängig zu werden. Ich habe hier mit [dem Londoner Engineer und Produzenten] Young Kye zusammengearbeitet – er ist mein Bruder. Meistens nimmt er meine Arbeiten auf und mischt alle meine Sachen. Wir haben einen super Vibe zusammen.“

Home Run
„‚Home Run‘ ist wie der Tod meines alten Ichs und die Geburt meines neuen Ichs. Der jetzige Sound hat sich sehr von den Anfängen weiterentwickelt, und ich wollte das in dem Video [zu ‚Home Run‘] zum Ausdruck bringen. Zu Beginn heißt es: ‚A part of you has to die/For you to truly come alive.‘ Unsicherheit und Selbstzweifel können dich davon abhalten, dort hinzukommen, wo du eigentlich sein solltest. Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich mir sagte: ‚Ich muss den ganzen Selbstzweifel und das Negative überwinden.‘ Nach der [2019er-Single] ‚Good Love‘ trat für mich die Veränderung ein. Zuvor war ich immer etwas in meinem Kopf gefangen und dachte: ‚Wird dieser Sound wirklich funktionieren?‘ Seitdem bin ich entspannter, tue das, was mich zufrieden macht, und akzeptiere es so. Dieser Song wurde von einem 16-Jährigen aus Nottingham namens Jim Paterson produziert. Er ist ungemein talentiert. Er hat mir einfach ein Package an Beats geschickt, aus dem dieser Beat einer der ersten war. Sein Alter fand ich erst heraus, nachdem ich etwas nachgeforscht hatte. [UK-Produzent] The Code half mir am Ende zudem bei einigen zusätzlichen Parts, denn eigentlich handelt es sich hier um zwei Songs: ‚Home Run‘ und ‚Last Time‘, die ich zu einem kombiniert habe. Der Track hat noch mal einen ganz anderen Punch, wenn man ihn voll aufdreht.“

All Weekend
„Nana Rogues hat diesen Track produziert. Er hat bereits so viele Hits produziert. Wir haben uns über Young Kye kennengelernt. Ich ging zu Nana, viel Gras, etwas Alkohol – und schon war der Track fertig. Ich denke, dass man ihn auf unterschiedliche Weise verstehen kann, deshalb möchte ich nicht zu viel dazu sagen. Es ist aber einer meiner Lieblingstracks auf dem Album.“

Bad for Me (feat. Miraa May)
„Ich war mit [dem Londoner Produzenten] Shin im Studio, während Miraa May im selben Studiokomplex arbeitete. Mein Manager geriet zufällig in eine ihrer Sessions, kam zu uns zurück und meinte: ‚Yo, da drüben ist diese Sängerin, die mega gut ist. Wir sollten etwas mit ihr machen.‘ Also gingen wir rüber und sagten ihr, dass sie doch vorbeischauen sollte. Sie war sofort begeistert, als sie diesen Track hörte, und steuerte ihren Part bei. Ich hatte zuvor noch nicht allzu viel von ihr gehört, aber von da an habe ich mir alles von ihr angehört. Ich bin jetzt absoluter Fan. Weiter so, Miraa!“

Friend Zone (feat. Safe)
„Safe kommt aus Toronto – wir fanden über meinen Bro zusammen, den ebenfalls aus Toronto stammenden Rapper Puffy L’z. Er ist ein abgefahrener Sänger und echter Buddy. Gleich als er im UK ankam, sagte ich: ‚Lass uns ins Studio gehen, lass es uns anpacken‘. Ich denke, dass er sich zu einem großen Künstler entwickeln wird.“

Lawless
„‚Lawless‘ wurde von Meek [Mill] und den Dreamchasers inspiriert. Allein der Beginn kommt wie der eines Freestyle-Tracks rüber. Es geht darum, mich davon zu lösen, wie ich mich zu jener Zeit gefühlt habe. Man sollte es sich anhören, der Track spricht doch ziemlich für sich selbst.“

High Notes
„Das ist meine Art, mein Jahr zusammenzufassen. Über den Lifestyle nachzudenken, an den ich mich gewöhnt habe. ‚I want the money, fuck the fame‘. Weißt du, was das bedeutet? Ruhm ist einer dieser Dinge: Er ist Segen und Fluch zugleich. Gleichzeitig denke ich an meine Familie, denn ich habe einen Sohn, mit dem ich rausgehen und ganz normale Sachen unternehmen möchte. Aber nicht, wenn die Leute angerannt kommen, um Fotos zu machen und was nicht sonst noch alles. Letztes Jahr war ich auf einer Beerdigung und trauerte ganz offensichtlich um jemanden, der mir sehr nahe gestanden hat. Aber dann waren da diese sehr jungen Kids, vielleicht im Rahmen eines Jugend-Programms, die auf mich zukamen. Ich sagte zu ihnen: ‚Bitte zeigt Respekt gegenüber der Familie.‘ Aber sie haben das nicht angenommen, kamen angerannt und machten Fotos. Ich wollte an diesem Tag ganz für mich sein und die Nafe Smallz-Maske auch mal ablegen. Offenbar funktioniert das aber nicht, weswegen Huncho, so wie er es handhabt, gesegnet ist. Er setzt seine Maske auf und ist wie ein Superheld. Wenn er sie absetzt, kann er in sein normales Leben zurückkehren und mit seinem Mädchen und seinen Leuten rausgehen. Er muss nicht hin und her überlegen, wie er sich in der Öffentlichkeit bewegen kann. Aber Musik ist eine Maske, die man nicht so einfach ablegen kann, wenn man ein Künstler ist.“